Maria Rill arbeitet in einem Feld, das sich nicht leicht erklären lässt und genau darin liegt seine Bedeutung. Sie bewegt sich dort, wo Technik schneller ist als das Recht und Entscheidungen oft erst fallen, wenn sie eigentlich schon gebraucht worden wären. Bei einem Kaffee hat Ariane Lindemann Einblicke in ein Arbeitsfeld gewonnen, das derzeit viele umtreibt.
„Recht und IT-Sicherheit gehören nicht ans Ende eines Projekts, sondern an seinen Anfang“
Maria ist weder Juristin mit Technikinteresse noch Informatikerin mit juristischem Beipackwissen. Ihr Werdegang ist von Anfang an interdisziplinär: Informationswirtschaft am KIT – Informatik, Jura, Wirtschaft. Forschung begleitete sie früh, schon als Werkstudentin bei SAP Research. Dort arbeitete sie an Fragen der Rechtsinformatik, an der Analyse und Strukturierung juristischer Texte – lange bevor KI zu einem alltäglichen Bezugspunkt wurde. „Auch da war ich eigentlich schon in der Forschung“, sagt sie.
Der Wechsel ans FZI war keine romantische Zäsur, sondern eine Entscheidung aus dem Leben heraus: Elternzeit, ein befristeter Vertrag, die Frage nach dem nächsten Schritt. Rill entschied sich für Kontinuität – inhaltlich wie wissenschaftlich. Am FZI traf das auf eine strategische Einsicht, die heute selbstverständlich wirkt, damals aber alles andere als das war: Recht und IT-Sicherheit gehören nicht ans Ende eines Projekts, sondern an seinen Anfang. Compliance by Design ist für Maria ein Arbeitsprinzip und etwas, das sie gemeinsam mit Kolleg:innen aufgebaut hat. Zusammenarbeit denkt sie von Anfang an mit.
Regeln verstehen, bevor man an ihnen scheitert
Im Forschungsbereich Cybersecurity and Law geht es selten um einzelne Paragrafen, sondern um Orientierung. Gesetze kommen selten als Anleitung, sondern als komplexe Texte. KI-Verordnung, Datenschutz, IT-Sicherheit, europäische und nationale Umsetzung – vieles greift gleichzeitig ineinander.
Das Problem ist dabei weniger die Regulierung selbst als ihre Verständlichkeit. Marias Arbeit besteht darin, juristische Logik in handhabbare Entscheidungen zu übersetzen. Nicht zu vereinfachen, sondern: auslegen, verdichten, einordnen. Begriffe wie zum Beispiel „berechtigtes Interesse“, Einwilligung oder Zweckbindung wirken harmlos, sind es aber nicht. Sie verlangen nach Einordnung, Kontext und Erfahrung. Und den Mut, eine begründete Lesart zu formulieren, die Unternehmen tatsächlich weiterhilft.
„Forschung“, sagt Maria, „muss überprüfen, ob sie wirkt.“ Webinare, Projektformate, Feedbackschleifen gehören deshalb genauso zur Arbeit wie wissenschaftliche Analyse. Hier liegt ein möglicher Schlüssel für viele Digitalisierungsdebatten: Es reicht nicht, Systeme zu bauen. Man muss sie so bauen, dass sie rechtlich bestehen können.
„Dann kommen die Juristen und dann darf man nichts mehr.“
Maria kennt diesen Satz. Sie widerspricht ihm gerne. Datenschutz sei nicht dafür da, Innovation zu verhindern, sondern Menschen vor den Folgen ungezügelter Datennutzung zu schützen. Ihre Beispiele sind konkret: Gesundheits- oder Bewegungsdaten, die plötzlich über Versicherungstarife entscheiden. Dass Menschen sich anders verhalten, wenn sie beobachtet werden, sei kein Nebeneffekt, sondern zentral. Datenschutz wird damit zu einer Freiheitsfrage, nicht zu einer Formalie.
Maria verteidigt hohe Standards, kritisiert aber unnötige Komplexität. Unterschiedliche Auslegungen durch Datenschutzaufsichtsbehörden schaffen Unsicherheit. Und Unsicherheit hemmt Innovation. „Standards sind wichtig, ihre Umsetzung muss jedoch verlässlich und handhabbar bleiben.“
„Formalisierung ersetzt das Recht nicht, aber sie stärkt es“
Ihr wissenschaftliches Herzensthema ist die Formalisierung von Recht. „Gesetze“, sagt Maria, „sind nicht für ihre Anwender geschrieben, sondern für Fachkreise. Übersetzung ist daher notwendig. Aber präzise, nicht verkürzt.“ Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Gesetze widersprechen sich. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus schierer Komplexität.
Formale Sprachen könnten helfen, solche Widersprüche sichtbar zu machen, Begriffe konsistent zu verwenden und Prozesse klarer zu gestalten. Maschinen könnten Regeln nicht nur „plausibel“ kombinieren, sondern nachvollziehbar verarbeiten. „Die Grenze bleibt dabei klar“, bekräftigt Maria, „richterliche Wertung lässt sich nicht automatisieren. Formalisierung ersetzt das Recht nicht, aber sie stärkt es.“
Regulierung ohne Schlagbaum
Der Blick nach vorn zeigt eine offene Flanke: Regulierung im globalen digitalen Raum. „KI-Dienste lassen sich nicht an Grenzen kontrollieren. Wenn Regeln nicht durchsetzbar sind, benachteiligen sie jene, die sich an sie halten. Am Ende tragen oft Unternehmen die Last, nicht die Plattformen.“
Große politische Fragen schrumpfen dann auf operative Probleme: Wer darf welche Dienste nutzen? Wo fließen Daten hin? Wer trägt die Verantwortung? „Regulierung“, sagt Maria, „muss auch praktisch greifen können, sonst verliert sie ihre Legitimation.“
„Das CyberForum als Übersetzer zwischen Forschung und Wirtschaft“
Was angewandte Forschung bedeutet, zeigt sich für Maria dort, wo Technik tatsächlich genutzt wird: autonome Shuttles im öffentlichen Raum, reale Daten, reale Situationen. Erst dort wird sichtbar, ob technische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen zusammen gedacht wurden oder nur nebeneinander. „Netzwerke wie das CyberForum spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie bringen Forschung und Wirtschaft ins Gespräch und liefern jene Praxisperspektiven, die in Gesetzgebungsverfahren oft fehlen. Ohne diesen Austausch bliebe vieles abstrakt.“
Führung in beweglichen Strukturen
Seit 2023 leitet Maria die Abteilung CSL-LAW. Forschung verläuft nicht linear, Gesetze verzögern sich, Prioritäten verschieben sich. Führung bedeutet für sie, flexibel zu bleiben und zugleich aufmerksam zu sein. Besonders in hybriden Teams, in denen nicht alle täglich sichtbar sind. Mitarbeitende seien das wichtigste Kapital, sagt sie, und dürften unter der Dynamik nicht verschwinden.
Was bleibt
Die Arbeit hinterlässt Spuren: ein bewusster Umgang mit Daten, ein genauer Blick auf digitale Routinen. Nicht aus Vorsicht, sondern aus Konsequenz.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass Recht nicht das Gegenteil von Innovation ist, sondern ihre Voraussetzung.