Seit einigen Jahren erleben wir eine regelrechte Begeisterung für die Technologie der künstlichen Intelligenz (KI). Begriffe wie „Generative AI“, „Machine Learning“, „Predictive Analytics“ tauchen in nahezu jedem Wirtschaftsthema auf und mit ihnen wächst die Angst, etwas zu verpassen.
Die FOMO („Fear of Missing Out“) treibt Entscheiderinnen und Entscheider dazu, schnell zu investieren, ohne immer klar zu sehen, wofür genau. Doch wie entstand dieser KI-Hype? Welche Dynamiken spielen mit? Und ist er gerechtfertigt?
Die Wurzeln des KI-Hypes
Die Idee, Maschinen könnten „denken“, Muster erkennen und Entscheidungen treffen, existiert seit Jahrzehnten. Bereits in den 1950er-Jahren richteten Pioniere wie John McCarthy und Marvin Minsky („thinking machines“) Räume für Forschung ein, die das Thema künstliche Intelligenz erst begründeten. Über die Jahrhunderte hinweg wechselte das Verhältnis zwischen hohen Erwartungen und teils enttäuschenden Realitäten. Man spricht von sogenannten „KI-Wintern“ und „KI-Sommern“. Aktuell leben wir in einem langanhaltenden KI-Sommer.
Doch die Dynamik hat sich verändert: Fortschritte bei Rechenleistung, Datenverfügbarkeit, Cloud-Technologie und Algorithmen führen dazu, dass tatsächlich erhebliche Potenziale greifbar sind. Gleichzeitig führen die Medien- und Investmentlandschaft zu einem exponentiellen Wachstum der Erwartung: KI müsse „die Welt verändern“. All das zusammen erzeugt den Hype.
Hype-Dynamiken: Warum sich Technologien rapide aufblasen
Bei solchen Hypes lassen sich typische Muster erkennen: Erst eine technische oder wissenschaftliche Entwicklung, dann eine große Welle von Medien und Investoren, verbunden mit einem narrativen Versprechen („Das wird alles revolutionieren“). Parallel entsteht die Furcht, man könnte den Anschluss verlieren: wer nicht mitmacht, wird womöglich überholt. Diese Angst ist auch nicht unbegründet, denn in der Vergangenheit haben wir einige Beispiele miterlebt, in denen große Firmen den Anschluss verpasst haben. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Nokia. Nokia war lange Marktführer im Mobilfunk, verpasste jedoch den technologischen Wandel hin zu Smartphones und Software-Ökosystemen. Der entscheidende Fehler lag nicht an mangelnder Technologie, sondern an strategischen Fehleinschätzungen darüber, wie schnell und fundamental sich der Markt verändern würde.
Diese Dynamik, das Zögern aus Unsicherheit oder das Festhalten an alten Mustern, findet sich heute auch bei KI. Unternehmen wissen, dass Veränderung notwendig wird, aber viele beobachten erst, warten ab oder investieren aus der Angst heraus, etwas zu verpassen, ohne Strategie. Folglich werden Lösungen gekauft, Pilotprojekte gestartet, ohne dass immer klar ist, welcher Nutzen erwartet wird oder wie Erfolg gemessen werden soll. Zudem führt der Hype dazu, dass viele Anbieter mit Versprechen auftreten, die über das Machbare hinausgehen, das erzeugt Unsicherheiten und Risiko.
Ein Blick zurück: „Das Internet ist doch nur Hype“
Ein bekanntes Beispiel dafür, wie technologische Prognosen sich hinsichtlich ihrer Wirkung falsch einschätzen lassen, ist der Artikel von Clifford Stoll aus dem Jahr 1995 in der Zeitschrift Newsweek mit dem Titel „The Internet Won’t Change Everything“. Dort heißt es etwa: „no online database will replace your daily newspaper, no CD-ROM can take the place of a competent teacher and no computer network will change the way government works.“ - Business Insider
Diese Fehleinschätzung lehrt uns, dass technologische Prognosen oft entweder über- oder unterschätzt werden. Zum damaligen Zeitpunkt war die Infrastruktur, der Markt, die Nutzungsgewohnheiten in Bezug auf das Internet noch lange nicht so wie heute. Rückblickend lachen wir über eine solche Schlagzeile, aber damals wurde das als plausibel empfunden. Die Parallele zur KI liegt darin: Auch hier stehen wir erst am Anfang vieler Potenziale, aber wir sollten nicht automatisch davon ausgehen, dass schon jeder Anwendungsfall sofort erfolgreich ist.
Ist der KI-Hype gerechtfertigt? Potenzial und Realität
Ja, es gibt gute Gründe, KI nicht als bloßen Hype abzutun. KI-gestützte Analysen ermöglichen Mustererkennung in Datenmengen, die für den Menschen kaum mehr bewältigbar sind. In Branchen wie der Medizin, im Automobil- und Fertigungsbereich, in der Logistik wirken Systeme bereits heute. So auch im Großhandel. KI kann helfen, Margen zu optimieren, Kundenverhalten vorherzusagen, Cross-Selling-Potenziale zu erkennen. Gleichzeitig gilt: Nicht jede Anwendung ist gleich wirksam. Nicht jedes Versprechen wird sofort Realität. Manche Projekte werden scheitern oder ergeben geringere Wirkung als erwartet. Das Risiko besteht darin, dass FOMO getriebene Investitionen getätigt werden ohne klaren Business Case oder ohne saubere Datenbasis.
FOMO vermeiden: Wie Unternehmen klug mit dem Hype umgehen
Damit Sie nicht in die Falle der Hype-Welle geraten, sind konkrete Strategien hilfreich. Zuerst lohnt es sich, bei einem realen Problem zu starten und nicht beim Technologie-Hype. Was genau stört Sie im Vertrieb, in der Preisgestaltung, in der Effizienz? Identifizieren Sie den Engpass und fragen Sie: Kann KI helfen?
Zweitens: Beschränken Sie sich auf wenige Systeme oder Use Cases - nicht gleich „alles auf einmal“. Ein Pilot-Projekt mit klarer Ausrichtung ist wertvoller als eine große, unkontrollierte Investition.
Drittens: Tauschen Sie sich mit anderen Unternehmen aus: Wer nutzt welche KI-Lösungen? Welche Erfahrungen wurden gemacht? Lernen Sie von den Fehlern anderer.
Viertens: Achten Sie auf Ihre Datenqualität und Ihre Prozesse: KI lebt davon, dass Daten verfügbar, sauber und verständlich sind. Wenn das nicht gegeben ist, wird der Hype zur Last.
Fünftens: Definieren Sie klare Messgrößen und Ziele. Wie viel Effizienzsteigerung, bessere Marge oder Kundenzufriedenheit möchten Sie erreichen? Und wann ist der Zeitpunkt, das Projekt zu skalieren?
Schließlich: Nutzen Sie KI als Werkzeug, nicht als Ersatz für Strategie, Beziehung oder Kompetenz. Der Vertrieb bleibt zentral, die Daten liefern Entscheidungsunterstützung.
KI-Hype & FOMO - Fazit
Der KI-Hype ist real und doch ist er nicht gleichzusetzen mit blindem Investieren oder Überbewerten. Er bewegt sich zwischen großem Potenzial und überzogenen Versprechen. Die Parallele zum Internet zeigt: Was heute als Hype gilt, kann in einigen Jahren Alltag sein. Aber der Weg dahin braucht Geduld, Klarheit und einen realistischen Ansatz. Wer heute gezielt startet, fokussiert bleibt und sich nicht vom FOMO treiben lässt, kann sich einen Wettbewerbsvorteil sichern und das ohne unnötige Risiken einzugehen.
Wie der Zukunftsforscher Roy Amara einmal formulierte: “We tend to overestimate the effect of a technology in the short run and underestimate the effect in the long run.” Genau deshalb lohnt es sich, KI nüchtern zu betrachten, das heißt, weder als Wundermittel noch als Gefahr, sondern als Werkzeug mit langfristiger Wirkung.